Romanisches Seminar - Institutsgeschichte

Chronik der Lehrstühle des Romanischen Seminars

Der Pionier der Romanistik in Mannheim war von 1956 bis 1965 Prof. Walter Mönch. Er deckte, wie in der Frühzeit des Faches üblich, alleine die gesamte Romanistik ab, hatte aber seine Arbeitsschwerpunkte in den Bereichen Literatur- und Kulturwissenschaft. Für die Wirtschaftshochschule Mannheim war er als ausgewiesener französischer Landeskundler ein interessanter Lehr-Exporteur.

Auf Mönch folgte 1965 Egon Huber – gleichzeitig wurde das Fach auf zwei Lehrstühle vergrößert, und es wurde die inzwischen zunehmend verbreitete Aufteilung der Romanistik in Literatur-  und Sprachwissenschaft durchgeführt. Huber vertrat auf dem nun „Romanistik I“ genannten Lehrstuhl die Literaturwissenschaft des Französischen, Spanischen und Italienischen. Auf den neu geschaffenen Lehrstuhl „Romanistik II“ wurde im selben Jahr Rupprecht Rohr berufen, der für Sprachwissenschaft und Literatur des Mittelalters zuständig war. Im Sommersemester 1965, also immer noch unter dem Dach der Wirtschaftshochschule, nahmen dann die ersten Mannheimer LehramtsstudentInnen in den Disziplinen Anglistik, Germanistik und Romanistik ihr Studium auf. Die genannten Lehramtsfächer waren damals, gemeinsam mit Philosophie, Geschichte, Geographie, Psychologie, Erziehungswissenschaft und Rechtswissenschaft in der sog. „Allgemeinen Abteilung“ verortet.

1966 wanderten die Juristen ab und es konstituierte sich die „Philosophische Abteilung“. 1967 wurde die Wirtschaftshochschule zur Universität Mannheim aufgewertet und anschließend die Philosophische Abteilung in „Philosophische Fakultät“ umbenannt.

In der 1969 verabschiedeten Grundordnung der Universität Mannheim wurden jedoch die Philologien eigens zusammengefasst und damit die „Fakultät für Sprach- und Literaturwissenschaft“ mit den Disziplinen Anglistik, Germanistik, Klassische Philologie, Allgemeine Linguistik, Romanistik und Slavistik konstituiert. Mit der Aufrechterhaltung der kulturbezogenen Fächereinteilung setzte man damals ein Zeichen gegen einen internationalen Trend, der zeitweise dahin ging, die Sprachwissenschaften auf der einen und die Literaturwissenschaften auf der anderen Seite zu Instituten zusammen zu fassen.

1971 folgte Peter Brockmeier auf Egon Huber (Romanistik I); im selben Jahr wurde ein zusätzlicher literaturwissenschaftlicher Lehrstuhl (Romanistik III) eingerichtet und mit Rolf Kloepfer besetzt. Brockmeier  legte seine Arbeitschwerpunkte auf die Französische Aufklärung, die Romanische Novellistik, die Literatur im 20. Jh., sowie auf Petrarcas Canzoniere, bei Kloepfer standen Fragen der Semiotik, der Kommunikations- und später der Medienwissenschaften im Vordergrund – er bildete damit gewissermaßen eine inhaltliche Brücke zwischen dem literaturwissenschaftlichen Lehrstuhl Romanistik I und dem sprachwissenschaftlichen Lehrstuhl Romanistik II. Die damals von Kloepfer begründete medienwissenschaftliche Orientierung der Mannheimer Romanistik ist bis heute ihr Markenzeichen geblieben. Weiterhin verteilte man die Zuständigkeiten für Sprachen/Kulturen: Romanistik I kümmerte sich fortan eher um das Französische und Italienische, Romanistik III eher um Französisch, Spanisch und –  bis 1998 mit einem eigenen Lektorat – auch Portugiesisch, während am sprachwissenschaftlichen Lehrstuhl Romanistik II alle am Institut präsenten Sprachen incl. Katalanisch behandelt wurden.

Nachdem Brockmeier 1980 nach Berlin berufen worden war, besetzte man 1981 den Lehrstuhl Romanistik I gezielt mit einem Wissenschaftler,  dessen Schwerpunkte näher an der Gegenwartsepoche lagen: Charles Grivel. Im Zentrum seiner Forschung standen die Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts und die Literatursoziologie. Auch Fragen der Literaturzensur sowie der medialen Transformation von Texten und der Fotographie wurden an diesem Lehrstuhl bearbeitet.

Nach 23 Jahren Amtszeit wurde 1988 Rupprecht Rohr emeritiert (er wirkte jedoch bis zu seinem Tod im Jahr 2009 am Romanischen Seminar). Man beschloss nun, analog zur Entwicklung in der Literaturwissenschaft, den Lehrstuhl Romanistik II inhaltlich stärker auf die synchronische Sprachwissenschaft und die gegenwärtigen Sprachepochen zu konzentrieren. Entsprechend wurde Georg Bossong, dessen Schwerpunkte im Bereich der Soziolinguistik und der Sprachtypologie lagen, 1989 auf diesen Lehrstuhl berufen.

1993 folgte Georg Bossong einem Ruf an die Universität Zürich. Seine Nachfolgerin auf dem Lehrstuhl Romanistik II wurde 1994 Christine Bierbach, deren Forschungsinteressen v.a. im Bereich der Soziolinguistik (Migrantensprachen, Jugendsprache, Sprache und Geschlecht) sowie der Katalanistik lagen.

1992 wurde eine Mittelbaustelle des Romanischen Seminars zu einer literaturwissenschaftlichen C3-Professur aufgestockt und mit Peter Kuon besetzt (Schwerpunkte: Italienische Avantgarde-Literatur, aber auch Petrarca und Dante), der bereits 1995 an die Universität Salzburg wechselte.

1995 folgte Frank Baasner, dessen Schwerpunkte im Bereich der französischen, spanischen und italienischen Kulturwissenschaften lagen, auf dieser C3-Professur.

Im Jahre 2000 wurde die Fakultät für Sprach- und Literaturwissenschaft wieder mit der Philosophischen Fakultät zur aktuellen Philosophischen Fakultät zusammen gelegt.

Als 2002 Charles Grivel emeritiert wurde, berief man zunächst Frank Baasner auf seine Nachfolge als Lehrstuhlinhaber von Romanistik I. Zugleich erhielt Baasner das Angebot, die Leitung des Deutsch-Französischen Instituts in Ludwigsburg zu übernehmen. Eine Beurlaubung vom Mannheimer Lehrstuhl ermöglichte ihm schließlich, das Ludwigsburger Angebot anzunehmen.

Damit waren zwei Professuren frei: eine C3-Professur sowie der Lehrstuhl Romanistik I. Das Seminar beschloss daraufhin, die C3-Professur in die Sprachwissenschaft zu verschieben, um eine gleichgewichtige Verteilung der vier Professuren zu erreichen. Außerdem sollte diese Professur nun auch von sprachwissenschaftlicher Seite aus medienwissenschaftliche Fragestellungen mitberücksichtigen. Auf diese umgewidmete Professur wurde 2001 Johannes Müller-Lancé berufen. Müller-Lancé befasst sich bis heute mit Fragen des Spracherwerbs, der Sprachgeschichte sowie der Variation von Sprache in unterschiedlichen Medien.

2003 folgte Thomas Klinkert Grivel bzw. Baasner auf dem vakanten Lehrstuhl Romanistik I. Der Proust-Experte Klinkert deckte Französisch, Italienisch und Spanisch ab und hatte seine Schwerpunkte in der Literatur des 20. Jahrhunderts, in der Zeit um 1800, im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit..

Schon 2007 erhielt Klinkert einen Ruf an die Universität Freiburg, dem er Folge leistete. Um bei den Überlegungen für einen neu zu erstellenden Strukturplan für die Gesamtuniversität maximale Handlungsfreiheit zu haben, verhinderte das Rektorat zunächst eine sofortige Neubesetzung der Klinkert-Stelle. Diese Situation war für das Romanische Seminar höchst bedrohlich, weil für Christine Bierbach 2009 die Pensionierung und für Rolf Kloepfer spätestens 2010 die Emeritierung anstand. Innerhalb von zwei Jahren wären also alle drei Lehrstühle vakant gewesen. Obendrein verlangte das Rektorat von der Philosophischen Fakultät die Abgabe zweier Professuren, und die Fakultät hatte entschieden, eine dieser beiden Professuren aus der Romanistik zu nehmen.

Der Richtungsstreit hatte für das Romanische Seminar mit folgendem im Direktorium beschlossenen Kompromiss ein glückliches Ende: Die Stelle Bierbach musste zwar in den universitären Umwidmungspool abgegeben werden, aber dadurch, dass Rolf Kloepfer seine vorzeitige Emeritierung schon im Jahre 2008 (nach 37 Jahren Amtszeit) beantragte, konnte sofort eine linguistische Professur wieder besetzt werden. Seminarintern wurde nämlich seine Literaturwissenschaftsprofessur zu einer Sprachwissenschaftsprofessur umgewidmet. Als Kompensation für die weggefallene Bierbach-Stelle sicherte das Rektorat dem Romanischen Seminar eine sog. „Überbrückungsprofessur“ aus Rektoratsmitteln zu, die dann zum Ausgleich in der Literaturwissenschaft verortet wurde. Gleichzeitig beschloss man im Direktorium, mit den Neuberufungen ab 2009 die alte Lehrstuhlstruktur aufzugeben und eine Institutsstruktur mit zwei Abteilungen (und je zwei Professuren) zu schaffen, die beide auch medienwissenschaftliche Aspekte behandeln sollten: eine Abteilung für Literatur- und Medienwissenschaft und eine Abteilung für Sprach- und Medienwissenschaft.

Durch zügiges Arbeiten in den Berufungskommissionen gelang es, zwei der drei freien Professuren (jetzt nach Umstellung des Besoldungssystems durchweg W3-Stellen) schon zum 1.Februar 2009 wieder zu besetzen: Claudia Gronemann übernimmt die Nachfolge Klinkert und Eva-Martha Eckkrammer die Nachfolge der sprachwissenschaftlichen Professur. Inhaltlich folgt sie damit Christine Bierbach, stellentechnisch hingegen setzt sie die Professur Kloepfer fort. Claudia Gronemanns Schwerpunkte liegen auf den französischen/frankophonen und hispanistischen Literaturen, wobei sie die Aufklärungsforschung am Romanischen Seminar fortsetzt und einen postkolonialen Schwerpunkt einbringt. Eckkrammers Schwerpunkte umfassen Textlinguistik (und hier besonders den Wandel von Textsorten im Zuge der Medienentwicklung), Kreolistik und Übersetzungswissenschaft.

Zum 1. Februar 2010 wurde auch die literatur- und medienwissenschaftliche Überbrückungsprofessur besetzt, und zwar mit Cornelia Ruhe, einer ausgewiesenen Komparatistin mit Forschungsschwerpunkten auf der postkolonialen Literatur (insbesondere Migrationsliteraturen) sowie auf Fragen der Intertextualität und Intermedialität. Diese Professur wird im Januar 2015 übergeführt in eine aus Ausbaumitteln des Landes Baden-Württembergs finanzierte Dauerprofessur am Romanischen Seminar. Damit ist die vor dem universitären Richtungsstreit vorhandene Struktur des Instituts mit zwei sprach- und zwei literaturwissenschaftlich orientierten Professuren wiederhergestellt und langfristig gesichert.

Zum 1. Februar 2013 wurden am Romanischen Seminar zwei neue Juniorprofessuren eingerichtet, jeweils eine in beiden Abteilungen. Diese Professuren sind auf drei bis sechs Jahre befristet und werden aus Qualitätssicherungs- und Ausbaumitteln des Landes Baden-Württemberg finanziert. Die literatur- und medienwissenschaftliche Juniorprofessur wird von Stephanie Neu besetzt, deren Forschungsschwerpunkte vor allem im Bereich der Italianistik und Französistik (Kriminalromane, Comics, Film, Fragen von Fiktionalität und Faktualität sowie der Narratologie) liegen. Die sprach- und medienwissenschaftliche Juniorprofessur besetzt Elton Prifti, ein Experte für die "kleineren" romanischen Sprachen (z.B. Rätoromanisch, Katalanisch, Rumänisch, Aromunisch). Er beschäftigt sich hier (und auch in den "größeren" romanischen Sprachen) mit Fragen der sprachlichen Variation, der Mehrsprachigkeit und der medialen Kommunikation.

Stand 12.03.2013    Johannes Müller-Lancé


PS: Für die Informationen zu dieser Chronik danke ich Frau Ilse Pregartner (Dekanat Philosophische Fakultät), Herrn Klaus Schmidt (Dez.V) und Prof. Dr. Rupprecht Rohr, der zusammen mit Silvio Vietta die Frühgeschichte des Instituts in dem Artikel „Fakultät für Sprach- und Literaturwissenschaft“ beschrieben hat (erschienen in: Rektorat König (Hrsg.): Die Universität Mannheim in Vergangenheit und Gegenwart – Festschrift zum 75jährigen Universitätsjubiläum, Mannheim 1982, 131-145).